Brigitte Bardot, einst weltberühmte Filmdiva, später außerhalb Frankreichs nicht so bekannte engagierte Tierschützerin, ist gestern 28. Dezember 2025 mit 91 Jahren gestorben. Hier anstelle eines Nachwuchs ein in der Anima – Zeitschrift für Tierrechte – im Jahr 1998 erschienener kleiner Artikel; auch weil gerade wieder eine Petition für ein allgemeines Verbot des Schächtens in Umlauf ist.
Und immer schockt das Weib
„Und immer lockt das Weib“ hieß einer der Filmstreifen, mit dem die französische Schauspielerin Brigitte Bardot vor vierzig Jahren das Publikum schockierte (und erfreute), Filme, die man damals als lasziv empfand und heute, ORF-gestählt, als züchtig und prüde einstufen würde.
Später widmete sich die Bardot dem Tierschutz, für viele nicht minder schockierend, da ungewöhnlich, daß jemand aus der Welt des pelzbehangenen Glanzes, Anhängsel der Oberen, statt auf Getretene für Getretene eintritt.
Der neueste und dritte Schock: die Bardot ist eine Rassistin. Ist sie es?
Für unsere Freunde vom Vegetarier Bund Deutschlands (siehe Der Vegetarier Nr.5/97), ja. Und mit deutscher Konsequenz haben sie ihren Name ausgetilgt aus den Ehrentafeln- und -listen, in denen wir Fleischvermeider so gern berühmte Männer und Frauen, die uns gleichgesinnt, verewigen, zum Nachweis, daß wir keine abwegigen Verrückten seien, vielmehr in guter Gesellschaft.
Der Vorwurf des Rassismus ist ein schwerer Vorwurf, nicht nur doch im besonderen für Tierfreunde, für Tierrechtler, die mit Jane Goodall „Menschenrechte für Menschenaffen“ fordern, die den Speziesimus ablehnen, also Lebensrecht auch vierfüßigen Wesen zubilligen.
Es ist angemessen, erst zu prüfen und dann zu urteilen. Also was hat BB Böses getan?
Hat sie nach dem Ende der nazistischen Gewaltherrschaft die französische Kolonialherrschaft im fernen Indochina wiederherstellen wollen und damit in weiterer Folge unermeßliches Leid über die dortigen Völker gebracht? Hat sie im nicht minder fernen Madagaskar,den Aufstand gegen die französische Kolonialherrschaft blutig niederwerfen und achtzigtausend Menschen niedermetzeln lassen? Hat sie im Krieg gegen die algerischen Unabhängigkeitsbewegung unzählige Greueltaten verüben lassen? Hat sie damals algerische Demonstranten in Paris dutzendweise durch die Polizei erschlagen, und die Leichen in die Seine (so die Illustrierte Stern) „entsorgen“ lassen?
Zugegeben, Schnee von gestern. Nun dann: die Begünstigung der früheren, Tutsi (und politisch nicht genehme Hutus) mordenden Regierung in Ruanda – oder wenigstens der florierende französische Waffenexport – Landminen, die Kinder verstümmeln., Die Bardot auch nicht schuld? Oder, sie ist ja weltbekannt, an der Vernichtung hunderter oder tausender kurdischer Dörfer in der Türkei, indirekt subventioniert vom Westen? Wenn sie schon nicht die Verantwortung für die zahlreichen Völkermorde dieses Jahrhunderts trägt, Armenier, Roma, Sinti, Juden, Kambodschaner, Tutsi…; zum – den Anklagen August Bebel‘s1 zum Trotz – ziemlich vergessenen ersten Völkermord, den Machthaber des Deutschen Reiches im 20.Jahrhundert angeordnet haben: hat sie sich wenigstens geweigert, Vertreter der spärlichen Nachfahren dieses Volkes zu empfangen? Nein, das war unlängst der deutsche Bundespräsident2. Was liegt der Bardot also zur Last?
Konkret: Sie führt seit längerem einen bislang vergeblichen Kampf gegen das massenweise betäubungslose Schächten von Tieren durch Muslims, eine Tötungsmethode, die sie und nicht nur sie für tierquälerisch hält.
In diesem Zusammenhang gab sie Presse-Erklärungen ab, derentwegen sie im Jänner von einem Pariser Gericht letztlich zu einer Geldstrafe von 5.000 Franc verurteilt wurde. In der Begründung des Gerichts hieß es (laut Agenturmeldung), Bardot habe eine Parallele zwischen dem islamischen Opferfest Aid al-Kebir und der Erwürgung von Menschen in Algerien gezogen und die gesamte muslimische Bevölkerung dafür verantwortlich gemacht. Das Gericht warf ihr Verallgemeinerung und Vermischung der Tatsachen vor. Bardots Behauptung, daß solche Verbrechen bald in Frankreich begangen würden, sei eine Anstiftung zum Haß auf die Muslime.
Die inkriminierte Erklärung lautete (nach Agenturberichten):
„Einmal mehr – einmal zu viel – wird der Aid el Kebir Frankreichs Erde mit dem Blut der geschächteten Schafe besudeln, die von überall und nirgends kommen, um eine moslemische Tradition zu befriedigen, die sich seit Jahren als französisches ‚Fest‘ breit macht, geachteter noch als unser Pfingsten oder Himmelfahrt“.
Mit indirektem Hinweis auf die Ereignisse in Algerien meinte sie ferner: „Man schneidet Frauen und Kindern die Kehlen durch, die unserer Mönche, unserer Beamten, unserer Touristen und unserer Schafe, man wird uns eines Tages die Kehle durchschneiden, und wir werden es verdient haben. Warum nicht ein moslemisches Frankreich mit einer nordafrikanischen Marianne – soweit, wie wir schon sind?“
Bardot hatte sich zu ihren Erklärungen vor einiger Zeit in einem Interview gerechtfertigt:
Solange es die französische Regierung zuläßt, daß Schafe ohne Betäubung geschlachtet werden – was gegen das Gesetz verstößt, für das ich fünfundzwanzig Jahre lang gekämpft habe-, werde ich wild! Die Moslems können machen, was sie wollen, nur sollen sie mit diesem Massaker aufhören. Also, wie kann man da von Rassismus reden? Und andererseits waren zum Beispiel die Jäger und Pferdemetzger, die mit blutigen Messern zu mir gekommen sind, um mir die Haut abzuziehen, keine Moslems, darum ging es nicht. Und bei der Sache mit den Seehundbabys waren es Kanadier. Damals hat man mich auch nicht als Rassistin bezeichnet. Aber solange man das Leben respektiert, ist für mich alles in Ordnung.“
Wir haben Ihnen Fakten unterbreitet, die Wertung, ob hier ein Aufruf zum Rassenhaß vorliegt oder engagiertes Eintreten gegen Tierquälerei oder die Angst, Fremde in der Heimat zu werden, liegt bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser.
Als Rassismus vorgeworfen wird – um hier anzuknüpfen – der Bardot im deutschen „Vegetarier“ auch, sie habe von einem „übermäßigen Zustrom von Ausländern, insbesondere Moslems“ geschrieben. Wie halten es da die anderen? Unsere österreichische Regierung sperrte nach Ausbruch des bosnischen Krieges, kaum das eine im Verhältnis zur Zahl der Algerier in Frankreich geringfügige Zahl von Bosniern, insbesondere Moslems zu uns geflohen waren, alsogleich die Grenze gegen die in konkreter Lebensgefahr schwebenden Kriegsflüchtlinge (wofür ich mich als Österreicher schäme). Seit Jahren ist unser Bundesheer aufgeboten, um den Zustrom von Ausländern zu unterbinden. Der deutsche Bundeskanzler Kohl wandte sich gegen die Gewährung der (Doppel)Staatsbürgerschaft an in Deutschland lebende Türken, weil „dann hätten wir in kurzer Zeit statt drei Millionen vier, fünf, sechs Millionen Türken in unserem Land3 7); und die USA, ein im Verhältnis zu Mitteleuropa dünn besiedelter Staat ?
Dann ist da noch der Vorwurf der Verallgemeinerung. Die Algerier, die Serben, die Albaner, die Deutschen, die Österreicher usw. sind schuld. Zweifellos eine schmerzliche Ausdrucksweise, in der der Ungeist des Nazismus lebt, der in Rassen und Völkern rechnete, und dem der einzelne Mensch nichts war. Viktor Frankl, dem die Gemeinde Wien erst spät die Ehrenbürgerwürde verlieh, meinte einmal: es gibt auf Erden zwei Menschenrassen, aber auch nur diese beiden. Die „Rasse“ der anständigen Menschen und die der unanständigen Menschen. Und beide „Rassen“ sind allgemein verbreitet: In alle Gruppen dringen sie ein und sickern sie durch; keine Gruppe besteht ausschließlich aus anständigen und ausschließlich aus unanständigen Menschen,..4 Leider sind die vorweg angeführte Verallgemeinerungen, und es scheint so manchmal durchaus beabsichtigt im politischen Leben häufig geworden, ob von Politikern wie Vranitzky, ob von Journalisten, u.a. gerade in Journalen, die sich als Vorkämpfer gegen Rassismus verstehen. Selbst wenn die Wortwahl BB‘s mehr als die umgangssprachlich übliche Wortschlamperei wäre, was ich nicht glaube, sie wäre nicht allein. Alles in allem, sie tut nichts, was viele als ehrenwert anerkannte Politiker und Journalisten auch tun, mit vielleicht manchmal einem Unterschied zu dem einen oder anderen. Sie kämpft aktiv für Gequälte.
Wir sollten uns durch „Haltet den Dieb“-Rufer nicht ablenken lassen. Worum geht es im Kern. Kulturen sind, ob geographisch, ob zeitlich, verschieden. Was in der einen nach mehr oder minder herrschender Anschauung religiöse, moralische Pflicht ist, gilt in der anderen als Verbrechen oder verabscheuungswürdig. Es ist meiner Meinung nach unser Recht und unsere Pflicht, in unserem Machtbereich solchem entgegenzutreten. In manchen Kulturen ist es Gebot, den Mädchen ohne Betäubung die Klitoris oder auch die Schamlippen abzuschneiden, und wenn sie sich später den Moralvorstellungen widersetzen, auch die Kehle, so wie den Schafen, ohne Betäubung. Erst kürzlich wurde in Österreich ein Vater verurteilt, weil er seine unbotmäßige Tochter „den Bosporus hinunterschwimmen“ ließ. Ähnliches auch in Frankreich. Ich hielte es für lächerlich, deshalb die Richter als Rassisten zu verunglimpfen, mögen sich die betroffenen Täter auch unverstanden fühlen. Ebensowenig verdienen Feministinnen, die gegen den blutigen Brauch der Beschneidung ankämpfen, das Schimpfwort Rassistinnen und dasselbe muß auch für diejenigen gelten, die gegen Tierquälerei demonstrieren.
Erwin Lauppert
In Anima – Zeitschrift für Tierrechte – Sommer 1998