{"id":858,"date":"2021-01-05T16:46:47","date_gmt":"2021-01-05T16:46:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.umsvieh.at\/?p=858"},"modified":"2021-01-05T18:16:30","modified_gmt":"2021-01-05T18:16:30","slug":"weinachtspredigt-fuer-tiere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umsvieh.at\/?p=858","title":{"rendered":"Weinachtspredigt f\u00fcr Tiere"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von Ernst Wiechert (1887 &#8211; 1950) \u00a0&#8212; \u00a0<em>Wiechert, in den W\u00e4ldern des einstigen Ostpreu\u00dfens aufgewachsen, war zu Lebzeiten \u00a0&#8211; \u00a0vom Naziregime argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt und beschr\u00e4nkt, kurze Zeit ins KZ gesperrt &#8211; einer der beliebtesten deutschsprachigen Schriftsteller. Aus urheberrechtlichen Gr\u00fcnde (Schutzfristverfall) k\u00f6nnen wir Ihnen den Text erst jetzt im neuen Jahr fast zu Ende derWeihnachtszeit bringen. Er erscheint uns, auch wenn er vielleicht moderne Sprachmode \u00a0nicht mehr so ganz entspricht, zeitlos.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den H\u00fcrden, die h\u00fcteten des nachts ihre Herden. Ja, ihr wart dabei. Als das Licht der Liebe \u00fcber die Erde fiel und des Herrn Engel in die Verk\u00fcndigung trat, wart ihr dabei. Aus dem Dunkel des Stalles wandtet ihr eure gro\u00dfen, sanften Augen nach dem Schrei der Geb\u00e4renden und dem Strahlenden um ihren Scheitel. Eine Krippe war des Kindes erstes Haus. Bei euch ward es geboren, gekleidet, angebetet. \u00dcber eurem Dach stand der Stern. Die Menschen hatten keinen Raum, aber ihr hattet Raum, hattet Geduld, Sanftheit, Schweigen. Alt wart ihr. Schon damals. Ewigkeiten schimmerten schon damals in eurem Blick, die begonnen hatten, als der Mensch noch ein Traum war. Und als er der Herr der Erde wurde, wart ihr da, schweigsam, geduldig, wie Untertanen da sind, wenn der K\u00f6nig kommt. Auch als die Liebe \u00fcber die Erde fiel, wart ihr da, wart Herberge, W\u00e4rme, Nahrung, Gehorsam, Demut. Und wart vergessen, gleich den toten Dingen im Raum, damals wie heute. &#8222;Denn euch ist he ute der Heiland geboren&#8220;, sprach der Engel des Herrn. Ihr saht sein Licht, ihr h\u00f6rtet seinen Segen. Aber &#8222;euch&#8220;, das war der Herr der Erde, der Mensch, deren jeder um diese Stunde ein K\u00f6nig der Empf\u00e4ngnis war. &#8222;Siehe, ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude!&#8220; Ihm, nicht euch. Die gro\u00dfe Freude verga\u00df euch, die ewige Seligkeit verga\u00df euch. Nur als man nach Bildern f\u00fcr das gottselige Wunder suchte, dachte man an euch, an das Unbeseelte, Schweigende. &#8222;Es ist ein Ros&#8216; entsprungen&#8220;, sang man. &#8222;Ein L\u00e4mmlein geht und tr\u00e4gt die Schuld&#8220;, sang man. Aber es gab keinen Himmel f\u00fcr die Blumen, keine goldene Stadt f\u00fcr das Tier. Ihr Vergessenen, ihr Schweigenden und Unerl\u00f6sten, zu euch will ich sprechen in dieser Weihnachtsnacht. Ihr h\u00f6rt mich nicht. Aber h\u00f6rt das Meer mich, wenn ich an seinem Ufer stehe, ein Ersch\u00fctterter seiner Ewigkeit? H\u00f6rt die Blume mich, \u00fcber die ich beseligt mich beuge? Der Baum, an dessen Rinde ich meine Wange lege? Der Mensch, dessen Hand ich ergreife? Gott, zu dem ich rufe? Wir sprechen nicht um Erh\u00f6rung. Wir sprechen wie eine Glocke, die der Wind anr\u00fchrt. Sie bebt und t\u00f6nt, sie fragt nicht, ob die Herzen erbeben und t\u00f6nen, zu denen sie spricht. Das Unerh\u00f6rte ist mehr als das Erh\u00f6rte. Ihr Vergessenen, immer wart ihr bei den Heiligen und bei den Kindern, bei Franziskus und in den M\u00e4rchen. Ihr sangt, als Siegfried war und Grane Gold trug von der Heide, ihr sangt, als Gudrun wusch am Meeresstrand, ihr spracht im Haupte Faladas, ihr wart die sieben Schw\u00e4ne und die sieben Raben. Ihr Br\u00fcder und Schwestern aus unserer Kinderzeit und der Kinderzeit der Menschen, ich m\u00f6chte euch bitten, uns zu vergeben, was wir euch angetan. Ich m\u00f6chte euch so viel Gutes tun um diese Weihnachtszeit. Denn ich bin euer Schuldner f\u00fcr Zeit und Ewigkeit. Als ich ein Kind war, hatte ich einen Kranich. Er lebte in meinem Garten, und der Garten war der Garten Eden, in dem wir als zwei Br\u00fcder miteinander wohnten. Um die Mittagsstunde lag ich auf dem Rasen und rief nach meinem Vogel. Er kam und blieb zu meinen F\u00fc\u00dfen stehen. Dann legte er sich nieder, da\u00df sein Leib zwischen meinem Arm und meinem Herzen lag und verbarg seinen Kopf an meiner Brust. Ein leise tr\u00e4umender Laut kam unaufh\u00f6rlich aus seiner Kehle, uns\u00e4glich geborgen und gl\u00fcckselig. Meine Hand strich \u00fcber sein bl\u00e4uliches Gefieder wie \u00fcber die Wange eines Kindes, und dann schliefen wir ein, w\u00e4hrend die Bienen \u00fcber uns summten und der Pirol vom Walde rief. Ja, ich bin sein Schuldner f\u00fcr Zeit und Ewigkeit. Ich bin ein Schuldner jeder Drossel, die am Abend in den Fichten sang, als ich meine Verse schrieb, ein Schuldner jener jungen Schwalbe, die einst auf meiner Schulter sa\u00df, als ich zum erstenmal aus dem Kriege kam, ein Schuldner des Pferdes, das mich trug, des Hundes, der mich tr\u00f6stete, ein Schuldner aller derer, die mich nun in meiner Stille besuchen, von den Meisen vor meinem Fenster bis zu dem Weberknecht, der jeden Abend auf meinem Schreibzeug sitzt und zu meiner schreibenden Hand hin\u00fcbersieht. Ach, ich m\u00f6chte euch soviel Gutes tun, ich m\u00f6chte ein Zauberer sein und an diesem Heiligen Abend durch eure Wohnungen gehen, durch die Tannen des Winterwaldes und die H\u00f6hlen der Erde, zu den kalten Nestern, wo das Eichhorn schl\u00e4ft und unter der Rinde der B\u00e4ume, wo die K\u00e4fer ruhn. Ich m\u00f6chte euch Futter streuen und Frieden mit meiner Hand, und ich m\u00f6chte zu euch sprechen k\u00f6nnen, da\u00df ihr mich versteht. Ja, ich m\u00f6chte wohl Lichter anz\u00fcnden auf einem Baum der tiefen W\u00e4lder und euch zu mir bitten, ihr Vergessenen. Und ich m\u00f6chte die Verhei\u00dfung des Jesaja zu euch sprechen: &#8222;Die W\u00f6lfe werden bei den L\u00e4mmern wohnen, und die Pardel bei den B\u00f6cken liegen. Ein kleiner Knabe wird K\u00e4lber und junge L\u00f6wen und Mastvieh miteinander treiben. K\u00fche und B\u00e4ren werden an der Weide gehen, da\u00df ihre Jungen beieinanderliegen, und ein S\u00e4ugling wird seine Lust haben am Loch der Otter.&#8220; Das wird sein, wenn der Gottesfriede auf der Erde sein wird, von dem die Weissagungen und Offenbarungen sprechen. &#8222;Wartet, ihr meine Br\u00fcder!&#8220; m\u00f6chte ich zu euch sprechen unter den Kerzen im Winterwald. &#8222;Auch die Stillen unter uns warten des Gottesfriedens. Auch einander hassen, verfolgen und t\u00f6ten wir. Einmal werden wir des m\u00fcde sein. Einmal wird der Zauber von uns fallen, das Harte unserer Augen und H\u00e4nde, und ihr werdet aufstehen aus euch, wie das K\u00f6nigskind im M\u00e4rchen aus dem h\u00e4\u00dflichen Entlein aufstand. Dann werden wir teilen mit euch, wie Joseph, der Erh\u00f6hte, mit seinen Br\u00fcdern teilte. Nicht nur die Speise teilte, nicht nur die Erde, nicht nur das Leid, sondern auch den Himmel, von dem wir tr\u00e4umen. &#8222;Ich glaube&#8220;, sagt Luther, &#8222;da\u00df auch die Belferlein und H\u00fcndlein in den Himmel kommen und jede Kreatur eine unsterbliche Seele habe.&#8220; Wartet, ihr meine Vergessenen. &#8222;Ich tr\u00e4umte&#8220;, erz\u00e4hlt die Legende des Orients, &#8222;ich tr\u00e4umte, ich sei im Himmel. Da kam ein Fu\u00df hinein. ,Der Mann&#8216;, sagte der Engel, dem dieser Fu\u00df geh\u00f6rt, war b\u00f6se in allen Dingen und ist deshalb jetzt in der H\u00f6lle. Mit diesem Fu\u00df aber hat er einmal einem durstigen Kamel den Wasserk\u00fcbel n\u00e4hergeschoben!&#8216; Wartet, ihr meine Vergessenen, auf den Himmel, in dem ihr euch unserer F\u00fc\u00dfe erbarmen werdet.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Ernst Wiechert (1887 &#8211; 1950) \u00a0&#8212; \u00a0Wiechert, in den W\u00e4ldern des einstigen Ostpreu\u00dfens aufgewachsen, war zu Lebzeiten \u00a0&#8211; \u00a0vom Naziregime argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt und beschr\u00e4nkt, kurze Zeit ins KZ gesperrt &#8211; einer der beliebtesten deutschsprachigen Schriftsteller. Aus urheberrechtlichen Gr\u00fcnde (Schutzfristverfall) k\u00f6nnen wir Ihnen den Text erst jetzt im neuen Jahr fast zu Ende derWeihnachtszeit bringen. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":862,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-858","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.umsvieh.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/krippe.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/858","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=858"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/858\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":863,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/858\/revisions\/863"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=858"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=858"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=858"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}