{"id":303,"date":"2019-01-15T21:46:45","date_gmt":"2019-01-15T19:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umsvieh.at\/?p=303"},"modified":"2019-01-15T21:46:45","modified_gmt":"2019-01-15T19:46:45","slug":"brief-aus-dem-gefaengnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umsvieh.at\/?p=303","title":{"rendered":"Brief aus dem Gef\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p>Weit in eine vergangene Zeit zur\u00fcckk \u2013 In Erinnerung an Rosa Luxemburg, die heute vor hundert Jahren ermordet wurde\u00a0 \u2013 ein Brief, den sie im Dezember 1917 aus dem Gef\u00e4ngnis schrieb:\u00a0\u00a0\u00a0 &#8230; Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt, auf dem Hof,<!--more--> wo ich spaziere, kommen oft Wegen vom Milit\u00e4r,\u00a0voll bepackt mit S\u00e4cken oder alten Soldatenr\u00f6cken und Hemden, oft mit Blutflecken &#8230;, die werden hier abgeladen, in die\u00a0Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Milit\u00e4r abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit\u00a0Pferden, mit B\u00fcffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in der N\u00e4he. Sie sind kr\u00e4ftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit\u00a0flachen K\u00f6pfen und flach abgebogenen H\u00f6rnern, die Sch\u00e4del also unseren Schafen \u00e4hnlicher, ganz schwarz mit gro\u00dfen sanften\u00a0Augen. Sie stammen aus Rum\u00e4nien, sind Kriegstroph\u00e4en &#8230; die Soldaten, die den Wagen f\u00fchren, erz\u00e4hlen, da\u00df es sehr m\u00fchsam\u00a0war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gew\u00f6hnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie\u00a0wurden furchtbar gepr\u00fcgelt, bis da\u00df f\u00fcr sie das Wort gilt \u201evae victis\u201c &#8230; An hundert St\u00fcck der Tiere sollen in Breslau allein sein;\u00a0dazu bekommen sie, die an die \u00fcppige rum\u00e4nische Weide gew\u00f6hnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos\u00a0ausgenutzt, um alle m\u00f6glichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde.<br \/>\nVor einigen Tagen kam also ein\u00a0Wagen mit S\u00e4cken hereingefahren, die Last war so hoch aufget\u00fcrmt, da\u00df die B\u00fcffel nicht \u00fcber die Schwelle bei der Toreinfahrt\u00a0konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles\u00a0loszuschlagen, da\u00df die Aufseherin ihn emp\u00f6rt zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren h\u00e4tte! \u201eMit uns\u00a0Menschen hat auch nienmand Mitleid\u201c, antwortete er mit b\u00f6sen L\u00e4cheln und hieb noch kr\u00e4ftiger ein &#8230; Die Tiere zogen schlie\u00df\u00a0an und kamen \u00fcber den Berg, aber eins blutete &#8230; Sonitschka, die B\u00fcffelhaut ist sprichw\u00f6rtlich an Dicke und Z\u00e4higkeit, und die\u00a0war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still und ersch\u00f6pft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor\u00a0sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war\u00a0direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht wei\u00df, wof\u00fcr, weshalb, nicht wei\u00df, wie es der Qual und\u00a0der rohen Gewalt entgehen soll &#8230; ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tr\u00e4nen herunter \u2013 es waren\u00a0seine Tr\u00e4nen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid\u00a0zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien saftigen gr\u00fcnen Weiden Rum\u00e4niens! Wie anders schien dort die Sonne,\u00a0blies der Wind, wie anders waren die sch\u00f6nen Laute der V\u00f6gel oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier \u2013 diese fremde\u00a0schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden furchtbaren\u00a0Menschen, und \u2013 die Schl\u00e4ge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt &#8230; Oh, mein armer B\u00fcffel, mein armer, geliebter\u00a0Bruder, wir stehen hier beide so ohnm\u00e4chtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht.<br \/>\nDerweil\u00a0tummelten sich die Gefangenen gesch\u00e4ftig um den Wagen, luden die schweren S\u00e4cke ab und schleppten sie ins Haus; der\u00a0Soldat aber streckte beide H\u00e4nde in die Hosentaschen, spazierte mit gro\u00dfen Schritten \u00fcber den Hof, l\u00e4chelte und pfiff leise\u00a0einen Gassenhauere. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei &#8230; &#8220;<br \/>\nAus einem Brief an die Frau ihres ebenfalls inhaftierten Mitstreiters Karl Liebknecht<br \/>\nRosa Luxemburg (1871 &#8211; 1919) geboren in einer wohlhabenden Familie in Russisch-Polen, f\u00fchrende intellektuelle Kraft im linken Fl\u00fcgel der deutschen Sozialdemokratie, wurde im\u00a0 Ersten Weltkrieg als aktive Kriegsgegnerin in &#8222;Schutzhaft&#8220; gehalten. Die Mibegr\u00fcnderin des revolution\u00e4ren Spartakusbundes wurde im J\u00e4nner 1919 nach Niederschlaung des\u00a0 sogenanntgen Spartakusaufstands\u00a0\u00a0\u00a0 wie auch ihr Mitstreiter Karl Liebknecht von Milit\u00e4rs\u00a0 ermordet.<br \/>\n(aus anima Nr.2\/1996 bzw. 1\/1999)<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<br \/>\na.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weit in eine vergangene Zeit zur\u00fcckk \u2013 In Erinnerung an Rosa Luxemburg, die heute vor hundert Jahren ermordet wurde\u00a0 \u2013 ein Brief, den sie im Dezember 1917 aus dem Gef\u00e4ngnis schrieb:\u00a0\u00a0\u00a0 &#8230; Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt, auf dem Hof,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[25,126,181],"class_list":["post-303","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bueffel","tag-rrosa-luxemburg","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/303","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=303"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/303\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=303"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.umsvieh.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}