{"id":210,"date":"2018-06-26T11:56:02","date_gmt":"2018-06-26T09:56:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.umsvieh.at\/?p=210"},"modified":"2018-06-26T11:56:02","modified_gmt":"2018-06-26T09:56:02","slug":"erbarmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.umsvieh.at\/?p=210","title":{"rendered":"Erbarmen"},"content":{"rendered":"<p>Zur Erinnerung an den heute vor hundert Jahren gestorbenen Schriftsteller, Dichter , Volksbildner &#8230; Peter Rosegger\u00a0 aus der steiriscen Waldheimat.<br \/>\n<em>Peter Rosegger (31.7.1843 &#8211; 26.6.1918)<\/em><br \/>\n<strong>Erbarmen<\/strong>\u00a0 &#8211;\u00a0 Ein Entr\u00fcstungsruf und eine F\u00fcrbitte<!--more--><br \/>\n&#8230; Da war ein rotgesichtiger Fleischerbursche, der um die Lenden eine wei\u00dfe, mit Blut besprenkelte Sch\u00fcrze geschlungen hatte und m\u00f6rderisch fluchte. Denn er f\u00fchrte am Strick ein Kalb, welches nicht gehen wollte, so sehr auch der gro\u00dfe Fleischerhund hinter ihm bellte, gr\u00f6lte und es in die Beine bi\u00df. Das Kalb war in solcher Todesangst, da\u00df es bl\u00f6kend, st\u00f6hnend mit den Vorderf\u00fc\u00dfen zusammenbrach, gleichsam als ob es niederknien und um Barmherzigkeit flehen wollte. Aber am Strick, den es um den Hals trug, ri\u00df der Fleischer das Tier immer wieder empor und also ward es durch das Dorf geschleppt und der Fleischhauerei &#8222;Zum Goldenen Ochsen&#8220; zu.<br \/>\nDas Tier wurde durch das breite Einfahrtstor in den Hof gef\u00fchrt, an dessen W\u00e4nden gro\u00dfe eiserne Haken angebracht waren. Dort warf es der Fleischer auf das Steinpflaster, kniete darauf hin, zog das Messer und durchstach an den Hinterbeinen die Schenkel. Hernach ri\u00df er das Kalb bei diesen Beinen empor und hing es durch die L\u00f6cher an den Eisenhaken auf. Das so niederh\u00e4ngende Kalb strampelte mit den Vorderf\u00fc\u00dfen in der Luft und schlug, erb\u00e4rmlich bl\u00f6kend, seinen Kopf an die Wand, da\u00df es krachte. Der Hund sprang lechzend im Halbkreis umher, manchmal nach dem zappelnden Tier hinaufschnappend.<br \/>\nDer Fleischer holte von der Kammer einen Bottich herbei, den er unter das h\u00e4ngende Tier stellte, dann: sch\u00e4rfte er ruhig sein Schlachtmesser, fa\u00dfte mit der einen Hand das Opfer an dem Ohr und stie\u00df ihm init. der anderen das Messer in den Hals. &#8211; Noch lange schlug der Leib hin; und her, dann hing es leblos nieder, und das Blut rieselte in den Bottich.<br \/>\nMeine Leser sind emp\u00f6rt &#8211; aber nicht etwa \u00fcber den Fleischer, der eben sein Gewerbe aus\u00fcbt, sondern vielmehr \u00fcber den Mann, der so widerliche Dinge drucken l\u00e4\u00dft. Man k\u00f6nnte ja fast ohnm\u00e4chtig werden beim Lesen. Ich gebe es zu, vermute aber, da\u00df das H\u00e4ngen an aufgeschlitzten Schenkeln und das Warten auf den Todessto\u00df noch einigerma\u00dfen unangenehmer sein d\u00fcrfte als das Lesen dieser Geschichte. Und das Schlimmste an der Geschichte, da\u00df sie nicht etwa geschehen ist, sondern auch noch immer geschieht, t\u00e4glich hundertfach geschieht &#8230;<br \/>\nDie Tierschutzvereine entwickeln zwar eine geradezu r\u00fchrende T\u00e4tigkeit zur Einf\u00fchrung von zweckm\u00e4\u00dfigen, rasch t\u00f6tenden oder wenigstens momentan bet\u00e4ubenden Schlachtwerkzeugen, wie sie in den St\u00e4dten meist schon angewendet werden; diese Vereine tun alles M\u00f6gliche zur Abschaffung von haarstr\u00e4ubenden Grausamkeiten, die auf dem Lande etwas Allt\u00e4gliches sind. Allein die Leute wollen nicht darauf eingehen, sie bleiben bei ihrem alten Brauch. Und die Beh\u00f6rden verhalten sich gleichg\u00fcltig, zumeist ablehnend gegen die Bestrebungen zum Schutze der Tiere.<br \/>\nIch kann nicht einsehen, da\u00df wir alle miteinander nur darum auf der Welt sein sollen, um einander zu qu\u00e4len und zu t\u00f6ten. Ideal und Religion, die das Leben noch ertr\u00e4glich gemacht, hat man verworfen, um jetzt in heller Verzweiflung schreien zu m\u00fcssen: Die Welt ist unselig, die Liebe ein Phantom, das Dasein ein Kampf, das Leben eine Qual, der Tod ein Schrecken! &#8211; Nun, die Menschen sollen zusehen, wie sie sich aus solch von ihnen selbst geschaffenen erb\u00e4rmlichen Zust\u00e4nden wieder herausarbeiten. Meine heutige F\u00fcrsprache gilt dem Tiere, das selber nicht sprechen kann. Ich freilich verstehe seine Sprache, seine Klage, seinen oft gr\u00e4\u00dflichen Schinerz, den der leichtsinnige, un\u00fcberlegsame Mensch ihm verursacht.<br \/>\nMeine Freunde! so werde das Tier sprechen, wenn es eine menschliche Sprache h\u00e4tte. Indes f\u00fchrt es eine Sprache, die Gott versteht, und dieser Mittler wird einmal darauf antworten.<br \/>\nDarf ich auch noch sagen, da\u00df unsere Sittenlehre nicht strenge genug ist gegen Tierqu\u00e4lereien. Wo ist das Gesetz, das Tierqu\u00e4lereien klar und entschieden verbietet und bestraft? Wer Menschenliebe verlangt, der mu\u00df auch Liebe und Mitleid zu den Tieren predigen. Ein Herz, das gegen die Tiere verroht ist, wird gegen die Menschen nicht zart sein. Die Religion sagt, alles in der Welt sei nur zum Nutzen des Menschen erschaffen. Es ist dies eine etwas hochm\u00fctige Meinung, die der Wolf oder der Tiger gelegentlich umkehren k\u00f6nnte, sobald er der St\u00e4rkere ist, und das Insekt und die Bakterie tats\u00e4chlich umgekehrt hat, eben weil diese Wesen, durch ihre Winzigkeit gesch\u00fctzt, st\u00e4rker sind als Mensch. Zugegeben aber, die Tiere sind zum Nutzen des Menschen erschaffen, ist das ein Grund f\u00fcr diesen, undankbar zu sein?<br \/>\nIm Angesichte der Qualen, die den hilflosen Tieren von &#8211; wenn auch nicht immer b\u00f6sartigen, so doch unbedacht handelnden &#8211; Menschen \u00fcberall zugef\u00fcgt werden, m\u00f6chte ich niederknien vor euch, Mitmenschen, und mit gefalteten H\u00e4nden euch bitten, anflehen: Erbarmen! Erbarmen f\u00fcr die Tiere! Sie sind wie wir von Gott erschaffen, um sich des Lebens zu freuen! Sie haben mit uns den einen Vater im Himmel. &#8211; Wir d\u00fcrfen uns vor ihnen sch\u00fctzen, wir d\u00fcrfen sie n\u00fctzen, so wie ja auch wir untereinander uns sch\u00fctzen und n\u00fctzen. Aber die Tiere haben von Natur &#8211; und gotteswegen und endlich auch unsertwegen ihre heiligen Rechte, die zu verletzen eine Tods\u00fcnde ist. &#8211; Und denket noch ein bi\u00dfchen weiter oder n\u00e4her, denket an euch selbst. Gar so sicher und klar steht&#8217;s nicht um uns. Wir haben unseren Weg durch die Sch\u00f6pfung noch lange nicht zur\u00fcckgelegt, keiner von uns wei\u00df, in welchen Balg er noch geraten kann! Ware ich der liebe Gott, ich w\u00fcrde der Abwechslung halber den Gesellen, der heute Fleischer ist, morgen Kalb sein lassen. Und \u00fcbermorgen ihn h\u00f6flich fragen, was er \u00fcber die Sache denke? Vielleicht k\u00e4me doch eine gute Verst\u00e4ndigung und ein billiger Ausgleich zustande zwischen Menschen und Tier die sch\u00f6ne Welt w\u00fcrde dadurch sehr viel gewinnen, und das Menschenherz noch mehr. Und zur Stunde, wenn der Mensch in seiner h\u00f6chsten Not weinend vor mich &#8211; seinen Gott &#8211; hinsinkt und um Erbarmen fleht f\u00fcr sich, f\u00fcr sein Kind &#8211; wie k\u00f6nnte ich ihn unerh\u00f6rt lassen, wenn er barmherzig war gegen meine Kreatur!<br \/>\n(Gek\u00fcrzt; Quelle: anima &#8211; Zeitschrift f\u00fcr Tierrechte, Nr.1\/2002)<br \/>\nDie anima-Redaktion hatte damals dazu noch angemerkt; Wir brachten die vor mehr als hundert Jahren geschriebene Geschichte, um zu verdeutlichen, da\u00df der Zwist um das Sch\u00e4chten weniger geographisch-kulturell als entwicklungsgeschichtlich, zeitlich bedingt ist. Die beschriebene \u201egem\u00fctliche\u201c Form des Tiere-Qu\u00e4lens ist industrieller Akkord-Hektik gewichen; doch hat sich hierzulande im Grunde, an der Behandlung des Tieres als Sache viel ge\u00e4ndert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Erinnerung an den heute vor hundert Jahren gestorbenen Schriftsteller, Dichter , Volksbildner &#8230; Peter Rosegger\u00a0 aus der steiriscen Waldheimat. 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